Mr. Olympia Amateur Spanien – Meine Achterbahnfahrt zum Erfolg

Mr. Olympia Amateur Spanien – Meine Achterbahnfahrt zum Erfolg

 

Ungefähr ein Jahr nach meinem dritten Platz in Prag, stand im IFBB-Kalender wieder ein Mr. Olympia Amateur Wettkampf an, diesmal in Malaga, Spanien. Roland und ich hatten bereits früh entschieden, diesen Wettkampf zu bestreiten. Zur FIBO, welche Anfang April stattfand, war ich bereits in sehr guter Form, da ich für Body Attack auf der Showbühne war. Generell versuche ich für Auftritte und Gastposings immer in guter Form anzutreten, da ich mich sonst ungern zeige. Leider ist das nicht immer ganz einfach, vor allem wenn die Auftritte mit zeitlichem Abstand zu den Meisterschaften stattfinden. Zwischen FIBO und Mr. Olympia Amateur lagen ca. zwei Monate, welche es nun zu überbrücken galt. Über die Messetage hatte ich zudem über vier Kilo verloren. Mein Körper funktioniert am besten innerhalb gleichmäßiger Abläufe, vor allem was Training und Ernährung angeht. Das ist während der FIBO natürlich unmöglich. Dazu kommt noch ein erheblicher Stress, der –auch wenn es mir dort immer großen Spaß macht- an die Substanz geht. Es hieß also zunächst, den zu schnellen Gewichtsverlust wieder auszugleichen. Ca. eine Woche habe ich die Kalorien drastisch erhöht, bis ich wieder auf meinen morgendlichen 116-117 Kilo angelangt war. Es folgte ein Gastauftritt auf der Fränkischen Meisterschaft, nach dem ich nicht nur eine hartnäckige Erkältung hatte, sondern auch wieder exakt jene vier Kilo leichter war. Wieder musste ich das verlorene Volumen zurückgewinnen. Während der kommenden Wochen schwankte die Form dann ständig. Normalerweise wird während einer Vorbereitung die Form von Woche zu Woche besser und man weiß, dass alles läuft und man auf dem richtigen Weg ist. Diese Achterbahnfahrt nach der FIBO gefiel mir gar nicht. Da war es sehr wichtig, dass Roland mir immer das Gefühl gab auf Kurs zu sein. Auch sonst fühlte sich diese Vorbereitung irgendwie komisch an, da ich die ganze Zeit keinen Hunger hatte. Kaum jemand merkte mir an, dass ich auf Diät war. Die Scheuklappen, welche ich sonst immer in den Wochen vor einem Wettkampf anhatte, fehlten dieses mal komplett. Entsprechend war ich froh, als es endlich soweit war und der Flieger nach Malaga mit Dagmar, Roland und mir an Bord abhob. Sowohl Start als auch Landung waren auf die Minute pünktlich, unser Gepäck kam an und wir erwischten einen netten Taxifahrer. Das war ein toller Anfang! Unsere Ferienwohnung hatten wir nach 20 Minuten Fahrt erreicht, exakt zum vereinbarten Übergabetermin. Die Lage war ebenfalls perfekt: Eine Minute zu Fuß bis zum nächsten Supermarkt und zwei Minuten bis zum Meer, besser ging es nicht. Mein Bett war sogar mit brauner Bettwäsche bezogen, was überaus praktisch ist wenn man Wettkampffarbe drauf hat.

Mit meiner Form war ich allerdings noch nicht zufrieden. Ich wollte dieses mal unbedingt wieder schärfer und definierter auf der Bühne stehen. Dazu hatten wir beschlossen von Montag bis Donnerstag zu entladen. In meinem Fall bedeutete das zwei Kilo Hühnchen und 100g Reis pro Tag. Die ersten zwei Tage waren kein Problem, der dritte war noch ok, aber als wir am Donnerstag mittags zum Training gingen, waren meine Kraft und mein Antrieb im Keller. Zudem wussten wir bis dahin nicht, ob ich nun am Samstag oder am Sonntag auf die Bühne musste, und wann ich mit dem Aufladen beginnen sollte. Am Nachmittag kam dann die Information an: Die Männerklassen waren bereits am Samstag an der Reihe. Also gab es direkt eine Banane und von Dagmar 200g Reis mit etwas Hühnchen für mich. Den Rest des Tages verbrachte ich am Strand und mit ein paar weiteren Portionen Reis und Hühnchen. Meine Form hat mir noch immer nicht gefallen. Am Freitag Abend war das Wiegen angesetzt. Da ich einen Tag vor dem Wettkampf meist nicht mehr trainiere, gingen wir mittags wieder an den Strand. Ich zog meine Shorts und meine Flipflops an. Kurz vor Verlassen der Wohnung stellte ich mich kurz vor den Spiegel und spannte meine Oberschenkel an. Da war sie! Die Wettkampfform! Sofort nahm ich mein Handy und machte ein Foto.

Legs before Olympia

Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell sich mein Körper in den letzten Tagen vor einem Wettkampf verändern kann. Relativ spät machten wir uns dann auf zur Waage, welche bis 18 Uhr geöffnet war. Das Taxi brachte uns zur Veranstaltungshalle. Nachdem wir in der Halle vergeblich versucht hatten die Waage zu finden, kam ein Spanischer Herr, welcher glücklicherweise sehr gut Englisch sprach auf uns zu und erklärte, dass das Wiegen nicht in der Halle, sondern im offiziellen Hotel stattfindet. Mittlerweile war es ca. 17:35. Der nette Herr bestellte uns noch ein Taxi und wir machten uns langsam Sorgen ob wir es noch schaffen würden. An einer verpassten Waage zu scheitern, wäre so ziemlich das dümmste was passieren könnte, nachdem alles bisher so gut gelaufen war. Sehr knapp, aber noch in der Zeit erreichten wir dann das Hotel. 113 Kilo waren mein offizielles Wettkampfgewicht. Eine Punktlandung. Nach dem wiegen schlug Matthias Busse dann vor, dass Markus Mertzenich und ich doch schnell noch ein paar Bilder machen sollten. Eigentlich hatte ich keine große Lust und wollte lieber bis nach dem Wettkampf warten, aber dachte mir dann es könnte ja nicht schaden. Wie sich später herausstellen sollte, war dies eine sehr gute Entscheidung. Danach aßen wir gemeinsam im Hotel, wobei ich ordentlich zulangen durfte. Bisher hatte ich nur recht moderat und sauber aufgeladen, und da die Form passte gab es jetzt ein paar Extrakalorien. Am Wettkampftag selbst habe ich dann wieder kleine Portionen gegessen, hauptsächlich Reis mit ein wenig Hühnchen und etwas Ananas. Wie immer fiel es mir nicht leicht, mich zwischen den Athleten hinter der Bühne einzuordnen. Dagmar und Roland tigerten zwischen den Konkurrenten umher und stuften sie in gefährlich und ungefährlich ein. Sie waren zuversichtlich dass ich gewinnen könnte. Als ich anfing mich aufzuwärmen, merkte ich wie die Leute in der Umgebung mich anschauten. Jedes mal wenn ich zur Toilette ging, wollten andere Athleten Fotos mit mir machen. Als einer meiner Konkurrenten, ein Superschwergewichtler aus Schweden mich vor dem Spiegel auf der Toilette traf, sah er mich an und meinte „I ’m in your weight class Mr. Hoffmann. Please have mercy!“ Da war mir klar, dass ich hier ganz vorne dabei sein würde. Nach der Vorwahl konnten Roland und Dagmar dann auch eine fundierte Einschätzung der Lage abgeben: „Eigentlich müsstest du das Ding gewinnen.“ Kurze Zeit später wurden die Finalteilnehmer bekanntgegeben. Wie erwartet war ich dabei. Als es endlich zum Finale ging, war ich voll im Kampfmodus. Die Vergleiche waren hart, Roland und Dagmar brüllten ihre Kommandos aus dem Publikum was das Zeug hielt.

On Stage in Malaga

Positionswechsel und noch einmal das ganze. Und dann noch das Posedown. Bereits während der Vergleiche hatte ich plötzlich heftige Bauchschmerzen. Jedoch war das ein schlechter Zeitpunkt um eine Pause einzulegen. Ich musste kämpfen. Nach dem Posedown musste ich an der Bühne bleiben, da ich bereits als zweiter mit meiner Posingkür an der Reihe war. Ich zog mein Posing fehlerfrei durch und merkte an der Reaktion des Publikums, dass alles auf den Punkt war. Nun hieß es abwarten bis zur Siegerehrung. Team Cziurlok war sich sicher, dass ich den Titel holen würde. Und dann steht man da mit sechs anderen Athleten auf der Bühne und wartet dass die Namen verkündet werden. Anders als sonst, hofft man hier als Letzter dran zu sein und selbst erst ganz zum Schluss aufgerufen zu werden. Alles ist bereits gelaufen, man kann nichts mehr am Ergebnis ändern. Werden die vergangenen Wochen, Monate und Jahre an Arbeit und Entbehrung belohnt werden? Nun, diesmal wurde ich belohnt. Endlich. Nach 20 Jahren Training und 15 Jahren Wettkampf hatte ich endlich meinen internationalen Titel. Dagmar und Roland sprangen aus ihren Stühlen und das Blitzlichtgewitter aus den Reihen der Fotografen brach los. Viel Zeit um sich zu freuen blieb nicht, das Stechen um den Gesamtsieg folgte unmittelbar. Wieder gab ich alles. Nach den Vergleichen wurden wir alle von der Bühne gebeten und warteten im Saal auf die Verkündung des Gesamtsiegers. Die Sekunden zogen sich wie Stunden. Ich wartete nur auf ein „Ge“ wie Germany oder eine „Da“ wie David. Was dann eigentlich kam weiß ich gar nicht mehr, das nächste woran ich mich erinnere waren Rolands Schreie und wie der Moderator „our new IFBB Pro“ rief. Geschafft! Und dann musste ich viele Bilder machen und viele Hände schütteln! Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass fast der gesamte Saal auf die Bühne kam um zu gratulieren und ein Bild mit mir zu machen. Zwischendurch gab ich noch ein paar Interviews und drückte Dagmar und Roland. Irgendwo in dem Tumult ging dann noch meine Urkunde verloren, aber den Titel konnte mir keiner mehr nehmen. Als alles vorbei war, nahmen wir uns ein Taxi zum Hotel um dort das Buffet zu genießen. Zwar hatte ich ein komisches Gefühl im Bauch, aber der Appetit war da. Beim Abendessen kam Josef Adlt, einer der besten Fotografen in der Branche zu uns an den Tisch um ein Fotoshooting am nächsten Morgen zu verabreden. Um 6:30 in der Früh wollten wir zum Strand, um optimales Licht zu haben. Obwohl ich eigentlich gerne länger schlafe, freute ich mich sehr, zumal ich mit Josef noch nie gearbeitet hatte und ich in Topform war. Da es mittlerweile fast 23 Uhr war und ich mich nicht besonders wohl fühlte, beschloss ich ins Appartement zu fahren und ins Bett zu gehen. Dort angekommen verschlechterte sich mein Zustand dann rapide und ich verbrachte fast die gesamte Nacht auf der Toilette. Ich fühlte mich grauenhaft und musste früh morgens das geplante Shooting absagen. Auch optisch hatte die Nacht deutliche Spuren hinterlassen. Ich war so flach und ausgezehrt, dass ich mich kaum wiedererkannte! Rein interessehalber stieg ich auf meine Waage und war geschockt: 103 Kilo! Seit zehn Jahren hatte ich nicht mehr so wenig gewogen. Innerhalb einer Nacht waren zehn Kilo verschwunden. Der Sonntag war eigentlich als Urlaubstag vorgesehen. Roland und ich hatten uns schon am Donnerstag vor dem Wettkampf vorgenommen schön zu essen, eine dicke Zigarre zu rauchen und Pläne für die nächsten Meisterschaften zu machen. Außerdem wäre ja mein Titel zu feiern gewesen. Aber ich war völlig außer Gefecht und verbrachte die Zeit bis zu unserem Abflug am Montag nur zwischen Bett und Toilette. Im Nachhinein fiel mir ein, dass ich zwischen Vorwahl und Finale ein Stück Sushi hinter der Bühne gegessen hatte. Ich nehme an, dass das der Übeltäter war, da ich ja sonst bis dahin meinen gewohnten Reis mit Hühnchen gegessen hatte. Einfach unglaublich, wie schnell ein paar unsichtbare, winzige Keime einen Superschwergewichtler umhauen können. Bei allem Klagen jedoch, bin ich froh, dass ich erst meinen Wettkampf beenden konnte, bevor ich „KO“ ging. Hätte das ganze nur ein paar Stunden früher begonnen, hätte ich jetzt zwei Goldmedaillen weniger im Regal.